Hommage an einen

Exzentriker.

Und ein Restaurant,

das nicht mehr

existiert.

 

Das Bacco Felice lag versteckt. Wenn man durch die unscheinbare Tür neben dem offiziellen, aber nicht immer geöffneten Restauranteingang trat, landete man in einer seltsamen Mischung aus Vorratskammer, Weinhandlung und Lebensmittellädchen, wo Flaschen mit Wein, Öl und Grappa die Regale füllten, an denen Knoblauchzöpfe baumelten, und sich Säcke mit Reis, Bohnen, Kichererbsen und Kisten voller Gemüse stapelten. Hier drinnen empfing uns nur schummriges Licht, keine Menschenseele war zu sehen. Aber zu hören. Wir folgten dem Klappern, Knistern und Zischen durch eine weitere Tür und standen plötzlich in einer winzigen, brüllend heißen Küche, in der ein gewichtiger Hüne in weißer Schürze und hochgekrempelten Ärmeln auf dem Grillrost über einem lodernden Holzfeuer ein Pollo alla diavola grillte, während es auf dem uralten Herd daneben aus rußgeschwärzten Kupfertöpfen dampfte und brodelte. Offensichtlich Salvatore, der Koch, dachten wir. Wir dachten falsch. Wie wir später erfuhren, handelte es sich um Luciano, einen hauptberuflichen Gymnasiallehrer, talentierten Hobbykoch und engen Freund Salvatores, der ihm gemeinsam mit Tiziana in der Küche zur Hand geht.

 

  Unschlüssig blieben wir einen Moment lang stehen, aber da der hochkonzentrierte Magier des Grills unsere Anwesenheit komplett ignorierte und auch die winzige Küche keinen Raum für mehr als ein, zwei Personen bot, schoben wir uns hinter seinem Rücken vorbei und setzten unsere Expedition ins nächste Zimmer fort. Und siehe da, endlich fanden wir etwas, das wie ein Speiseraum anmutete. Oder besser, wie ein Theater-Set. Jede Wand war vom Boden bis zur Decke mit tausenden Graffiti-artigen Liebesbeweisen offensichtlich begeisterter Gäste verziert, dazwischen klebten zahllose Fotos und Zeitungsausschnitte aus aller Welt, die das Il Bacco Felice in den höchsten Tönen lobten. Dass zahlreiche Weinzeitschriften, Gedichtbände und sogar eine beeindruckende Sammlung von Psychoanalytik-Büchern die Toilette in eine skurrile Bibliothek verwandelten, fanden wir erst später heraus. Mitten im Raum drängten sich eine Handvoll Tische, zwischen denen wie von Geisterhand ein lautstark singender Salvatore erschien, seine Arme zu unserer Begrüßung weit ausgestreckt.

 

  Wie großartig dieses kleine Restaurant war, ist nur schwer in Worte zu fassen. Herz, Bauch und Seele dieser einzigartigen Mischung aus klassischer Trattoria und Enoteca war der überlebensgroße Salvatore. Ein liebevoller Exzentriker, etwas außerhalb gesellschaftlicher Normen lebend, aber immer in Ruf- und Reichweite seiner Gäste, für die er voller Leidenschaft und Energie einige der einfachsten und ursprünglichsten Gaumenfreuden zelebrierte. Aber immer mit einem kleinen Twist. Und Zutaten, die der passionierte Koch und Gärtner noch am selben Tag aus seinem liebevoll gepflegten Garten geholt hat. Mein Slow-Food-Herz hüpfte vor Freude.





 

„I don’t want a yacht. I want hugs.“

Über die seltsamen Gewinn-Erwartungen des Martin Morales.

Ein Montagstermin in London, wir übernachten irgendwo in Shoreditch. Hotelfrühstücke sind nicht so unser Ding, aber nur einen Scone-Wurf von unserer volldigitalisierten Schlafstätte entfernt entdecken wir ein kleines peruanisches Restaurant, das dann gar nicht so klein ist, wie es von außen erscheint. Kurz London’s 10 Best Liste gegooglet, und siehe da: Das ANDINA entpuppt sich als Empfehlung Nr. 1.

Die wenigen Superfood-Frühstücker, von Marketing-Strategen als Young Urban Nomads identifiziert, sitzen vor Peruvian porridge (amaranth, orange zest, golden berries, figs, purple corn syrup) und starren konzentriert in ihre Powerbooks, iPads und iPhones. Nirgendwo brennt ein Samsung.

Wir finden einen netten Zweiertisch am Fenster, die Bedienung bringt uns zwei erstaunlich gute Kaffees. Eine eigene Mischung aus dem peruanischen Hochland, erklärt uns der sympathische Kellner auf Nachfrage, vollmundig, schokoladig, würzig, die feine Säure schön eingebunden. Dazu bietet er uns heiße Quinoa Milch an, sollten wir der Laktose-Unverträglichkeit frönen. Wenig später erscheinen vor uns zwei Teller mit absolut perfekt pochierten Eiern auf reifer Avocado und angeröstetem Sauerteigbrot, und auch der Spinat und die Pilze sind so einfach und so fantastisch gewürzt, dass wir nach dem Trick fragen.

Die Bedienung lacht und deutet auf ein Kochbuch an der Theke: CEVICHE von Martin Morales. Ceviche? Moment mal. Langsam dämmert es uns, gestern Nacht sind wir noch daran vorbei gelaufen. Das Ceviche in Soho, erst wenige Jahre alt und schon eine Pilgerstätte für Londons Kulinariker.

Während wir im Cookbook of the Year blättern, krault unser kulinarischer Betreuer in der offenen Küche den Nacken des Küchenchefs. Die liebevolle Geste, der man im stressigen Gastronomiebetrieb nur sehr, sehr selten begegnet, beantwortet so ganz nebenbei unsere unausgesprochene Frage, warum in diesem Restaurant eine so ungewöhnlich warmherzige Atmosphäre herrscht.

Diese Frage hätte uns auch der Mann beantworten können, der in diesem Moment das Andina betritt.

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