In schlaftrunkenen Augen die Frage nach dem Warum.
Für Nicht-Biker hört sich ein SaddleSore ein bisschen extrem an. Extrem anstrengend, extrem sinnlos, extrem langweilig oder extrem unvernünftig, je nach Perspektive. Über 1.700 km rund um Malaysia? In 20 Stunden? Auf einem Motorrad? In den Tropen? Weiß die Heimleitung davon?
SaddleSore 1000 in Malaysia. Oder: Auf der Suche nach den eigenen Grenzen.
Selbst das fahle Morgenlicht scheint den feuchtwarmen Aggregatzustand der umgebenden Treibhausluft angenommen zu haben. Träge vermischt es sich mit dampfenden Nebelfetzen, die sich mit einer tiefhängenden Wolkendecke verbinden, und schält dabei zögernd das graue Asphaltband, das uns an die Ostküste Malaysias führen wird, aus dem undurchdringlichen Grün des tropischen Regenwalds.
Zu dieser frühen Morgenstunde sind wir noch ziemlich alleine unterwegs, wir können die BMW und die Kawasaki von der Leine lassen. 400 nächtliche Kilometer liegen bereits hinter uns, und für die restlichen 1300 km zurück nach George Town bleiben Joachim und mir noch beruhigende 19 Stunden. Viele davon bleiben unvergesslich: Die Fahrt über die grandiose Berg- und Talbahn zum Beispiel, die uns gerade durch einen der ältesten Regenwälder der Erde führt, erweist sich als nachhaltig beeindruckendes Naturerlebnis. Ich genieße die aufkommenden Glücksgefühle in vollen Zügen, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, es gibt nicht das eine, große Glück. Es gibt viele Glücks, die meisten klein, andere groß, man muss sie nur suchen. Und manchmal findet man sie sogar.
Um das Motorradglück perfekt zu machen, hat der tropische Fön unsere malerische Reiseroute zum großen Teil vom nächtlichen Regen befreit, nur wenige Abschnitte sind noch tückisch feucht. Die Asphaltdecke befindet sich in erstaunlich gutem Zustand, die meisten Kurven öffnen sich weit und unsere Bikes lassen sich fahren wie auf einer Rennstrecke. Auch wenn wir dabei die unverbindlich empfohlene Landstraßen-Geschwindigkeit mal mehr, mal weniger weit hinter uns lassen, rasen wir nicht, wir reisen. Denn so attraktiv die Route Nr. 4 ist, sie fordert unsere volle Konzentration. Ab und zu überrascht uns ein liegengebliebener Uralt-LKW, der mit mächtigen Wurzeln herausgebaggerter Tropenbäume überladen wurde, dann wieder müssen wir um überfahrene Affen herumkurven, Haken um herabgefallene Äste, abgerissene Lianen und sogar um eine leblose Riesenschlange schlagen, die sich nicht schnell genug vor den herannahenden Holztransportern auf die andere Straßenseite retten konnte.
Ein kurzer Rückblick auf den Wecker. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die frisch und fröhlich um 3 Uhr nachts aus dem Bett hüpfen. Doch Joachim, der unseren SaddleSore initiiert hat und die Streckenführung übernehmen wird, konnte mich mit einem schlauen Plan ködern: Wenn man noch in der malaysischen Nacht startet, auf dem mehrspurigen Expressway hoch zur thailändischen Grenze fährt, dann umkehrt und sich erst bei Tagesanbruch auf den Weg durch den Regenwald macht, senkt man das Risiko quasi auf Null, in der tiefen Dunkelheit einer unbeleuchteten Dschungelstraße auf einen ebenso unbeleuchteten Elefanten zu treffen.